Eine Geschichte über Eltern-Teenager-Liebe

„Das mache ich, weil ich dich liebe! Ich will doch nur dein Bestes!“ Doch was, wenn dein Kind dein Handeln als NICHT LIEBEVOLL empfindet?

Als ich vor vielen Jahren diese Sätze von Jesper Juul las, da fiel es mir wie Schuppen von den Augen.  Mir fielen Situationen aus meiner eigenen Kindheit, aber auch von Freunden ein, denen es immer wieder ähnlich erging wie mir. Wir WUSSTEN, dass unsere Eltern uns liebten. Doch in manchen Situationen konnten wir es nicht FÜHLEN.

Die Geschichte von Anna, ihrem Vater und dem ungeliebten Ballkleid

Ich möchte dir heute zu diesem Thema eine wahre Geschichte erzählen. Die Geschichte von Anna, ihrem Vater und dem ungeliebten Ballkleid.

Anna hat einen Vater, von dem sie weiß, dass er sie liebt. Doch als es um das Thema Ballkleid für IHREN 1. Tanzschulball ging, da konnte sie das leider wenig spüren. Was war geschehen? Ihr Vater hatte es sich zur Aufgabe gemacht (OHNE mit ihr darüber zu sprechen), gemeinsam mit seiner Tochter das Ballkleid auszusuchen. Dafür investierte er viel Zeit. Er durchstreifte an DREI Samstagen die Geschäfte und fuhr mit ihr sogar in die 1,5 Stunden entfernte größere Stadt, um ein passendes Kleid zu finden. Letztendlich fanden sie auch ein passendes Kleid.

Doch das war ein Kleid, das nur dem Vater gefiel. Es war ein „schönes“ Kleid: hochgeschlossen mit rosa Spitze. Die junge Frau versuchte den Vater zu überzeugen, dass sie viel lieber ein anderes Kleid hätte: ein wenig mehr sexy, ein wenig mehr Haut. Doch sie hatte keine Chance. Sie fühlte sich ausgeliefert und ohnmächtig.

Wusste sie doch, dass ihr Vater sie liebte. Denn KEIN Vater ihrer Freundinnen hatte so viel Zeit dafür aufgebracht, ein Kleid mit ihren Töchtern auszusuchen.

Diesen Vätern war das Kleid ihrer Töchter sogar ziemlich egal. DAS hätte sie sich in diesem Moment auch gewünscht. Doch so war sie in einem massiven Konflikt. Und da sie ihren Vater kannte, erkannte sie schnell, dass sie in diesem Fall wieder keine Chance hatte und entschied sich, zu kooperieren: sie nahm dieses Kleid, das sie vom ersten Augenblick an gehasst hatte.

Sie entschied sich also FÜR Kooperation mit ihrem Vater und GEGEN die eigene Integrität. Das ist das, was Kinder sehr häufig tun. Denn Kinder kommen als soziale Wesen auf die Welt und entscheiden sich in den meisten Fällen (9 von 10) FÜR ihre Bezugspersonen und GEGEN sich selbst. Sie kooperieren und gehen für ihre Eltern sehr oft über die eigenen Grenzen, weil sie sich für ihre Eltern wertvoll fühlen wollen. Doch selten wird das von den Eltern auch so wahrgenommen und schon gar nicht wertgeschätzt.

Ja, und so ging auch Anna mit diesem Kleid, das sie nicht wollte und das sie so hässlich fand, ihrem Vater zuliebe auf ihren ersten Ball.

Und das Ende der Geschichte? Sie erzählte (30 Jahre später) mit Tränen in den Augen, dass sie nach nur einer Stunde den Ball wieder verlassen hatte und weinend nach Hause gefahren war.

Und ihre Eltern? Die haben bis heute nicht verstanden, wo das Problem lag.

Warum Anna nicht einfach ihren ersten Ball genießen konnte

Du fragst dich vielleicht auch, warum sie nicht einfach ihren ersten Ball genießen konnte? Einerseits hatte sie sich in diesem Kleid soooo hässlich gefühlt und dann hatten sie auch noch ihre Freundinnen mit ihren sexy Kleidern mitleidig angeschaut und bedauert. Jetzt magst du, so wie ihre Eltern auch, denken:

„Naja, so schlimm ist das auch wieder nicht! Ihre Probleme hätte ich gern gehabt.“

Doch in Wirklichkeit geht es nicht um das eigentliche Thema Ballkleid. Es geht um das Gefühl, den Schmerz, der in soooo vielen Kindern und Jugendlichen entsteht, wenn sie sich nicht ernst genommen und gesehen, sondern ohnmächtig und ausgeliefert fühlen. Und dabei ist es egal, ob es um Hausübungen, Lernen, Schularbeitsergebnisse, Schulwahl, Tattoos, Verwandtenbesuche, gemeinsame Freizeitgestaltung mit den Eltern oder ein hässliches Ballkleid geht.

Wie sieht es bei dir aus?

Kennst du solche Situationen aus deinem eigenen Leben?

Dann lade ich dich ein, hineinzuspüren, wie es sich für dich damals angefühlt hat. Und wenn du es schaffst, diesen Schmerz oder auch vielleicht deine Wut, deine Traurigkeit, … zuzulassen, dann kann einerseits Heilung in dir entstehen. Und andrerseits erinnerst du dich vielleicht beim nächsten Mal daran, genau auf dein Kind zu schauen, wenn du dich beim Satz oder auch nur beim Gedanken „Ich will doch nur dein Bestes!“ erwischen solltest.

Eine Übung als Game-Changer

Zum Schluss möchte ich dir auch noch gerne eine „Übung“ mitgeben, die in vielen Familien schon zum Game-Changer wurde:

Wenn du mutig bist, dann frage dein Kind: „Was müsste ich tun, damit du spürst, dass ich dich liebe?“ Und dann lausche. Solltest du ein „Ich weiß nicht,“ hören, dann kannst du sagen: „Dann denke bitte darüber nach, denn das ist mir sehr wichtig, zu wissen! Denn nur dann kann ich mein Verhalten verändern!“ So bist du nicht nur wunderbares Vorbild für dein Kind, sondern stärkst auch seine Kompetenz der Selbstwirksamkeit.

Ich freue mich sehr, wenn du deine Erfahrungen und Gedanken mit uns teilst und wünsche dir einen wundervollen Tag.

Herzlichst,

Deine Ines

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Medienkonsum und Pubertät – Verstehen und begleiten statt verbieten

Der langersehnte Online-Video-Kurs ist endlich da!!!