Good enough statt Perfect

Die Themen „Jugendliche“ und „Pubertät“ begleiten und beschäftigen mich nun seit fast 28 Jahren auf verschiedenen Ebenen: sei es mit meinen eigenen Kindern, sei es mit meinen Schülerinnen und Schülern, sei es im Beratungskontext. Und doch hat sich zu diesem Thema in den letzten Monaten eine für mich in dieser Intensität neue Komponente herauskristallisiert:

Ich hatte vermehrt Erlebnisse mit Eltern, aus denen ich ganz deutlich gespürt habe, wie sehr diese oft leiden, wenn ihre Kinder erwachsen werden. Und zwar nicht die Art von Leiden, die das „Loslassen“ mit sich bringt. Ich meine in diesem Zusammenhang nicht den emotionalen Schmerz, wenn du dein KIND „verlierst“ und stattdessen einen Heranwachsenden vor dir hast, der vielleicht nicht mehr mit dir kuscheln will, der dich nun oft als peinlich empfindet, der seine eigenen Wege geht, … . Nein, davon spreche ich nicht. Denn dieser Schmerz war – zumindest für mich – etwas sehr Reales, Verständliches, und dem konnte ich mich gut stellen: „einfach“ annehmen, was an Gefühlen gerade da ist, mir das Gefühl dieses „Verlusts“ erlauben. Das war für mich vor vielen Jahren eine große Erleichterung. Aber diesen Schmerz meine ich heute nicht.

Wie gehen Eltern mit dem Schmerz um, wenn sie das Gefühl haben bei ihrem Kind „versagt“ zu haben?

Es geht vielmehr darum, wie Eltern mit sich selbst umgehen, wenn sie erkennen, dass sie in der Erziehung bzw. in der Beziehung mit ihren Jugendlichen „versagen“, wenn sie Dinge tun und sagen, von denen sie wissen, dass sie falsch sind bzw. die sie nie (mehr) sagen wollten; wenn sie erkennen, dass ihr „falsches“ Verhalten, ihr Nichtwissen oder einfach nur das Nichterkennen bei ihren Kindern Verletzungen hinterlassen haben, die nie beabsichtigt waren.

Und gerade Eltern, die sich viele Gedanken machen, was ihre Kinder zum psychisch gesunden Erwachsen werden brauchen, fühlen sich dann noch schlechter, wenn sie das, was sie kognitiv wissen und für sich als richtig erkannt haben, nicht schaffen umzusetzen, weil die eigenen Emotionen wieder einmal hochgekocht sind.

Ich habe in den letzten Monaten auch persönlich auf einer neuen, inneren Ebene schmerzhaft erkennen dürfen, dass die Beziehung zu meinen Kindern massiv davon beeinflusst ist, wie ich mit mir selbst umgehe, wie geduldig ich mit mir bin, wie sehr ich mich selbst liebe.

Immer dann, wenn ich es gerade nicht schaffe, meinen (bereits erwachsenen) Kindern zu vertrauen, dass sie IHREN Weg gehen werden, der auch ein für sie steiniger sein kann, dann bemerke ich, dass sie mir wieder nur einen Spiegel vorhalten:

  • dass ich mir selbst in manchen Situationen nicht vertraue,
  • dass ich mir manche Erfahrungen ersparen möchte,
  • dass ich mit mir ungeduldig bin und schimpfe, weil ich noch immer nicht die Dinge so umsetzen kann, wie es mein innerer Kritiker von mir verlangt, 

Und jedes Mal, wenn ich es schaffe, bei mir selbst zu bleiben, dann entspannt sich die Situation auch mit meinen Kindern. Denn dann kann ich die „Fehler“ und „Unzulänglichkeiten“ meiner Kinder in einem anderen, liebevolleren Licht sehen: wie kann ich denn von ihnen Dinge verlangen, die ich als Erwachsene noch nicht hinbekomme? Wie ungerecht ist es, Handlungen von Jugendlichen einzufordern, die man selbst (noch) nicht leisten kann?

Mit den eigenen Schwächen entspannt umgehen lernen

Je entspannter ich mit mir selbst und meinen Schwächen umgehe, umso verständnisvoller kann ich mit meinen Mitmenschen im Allgemeinen und mit meinen Kindern im Speziellen sein. Entwicklung braucht Zeit: nur weil ich kognitiv etwas erkannt habe, kann ich es noch lange nicht sofort umsetzen. Es braucht Übung und Geduld, neues Verhalten einzutrainieren. Auf das Thema Erziehung trifft das im Besonderen zu. Zuerst treffe ich eine Entscheidung, das ich an meinem Verhalten etwas verändern will. Und dann fange ich an zu üben. Und dazu gehört es auch, sich zu erlauben Fehler zu machen. 

Das größte Geschenk für Kinder und Jugendliche sind Eltern, die bereit sind sich selbst zu entwickeln, die ihre eigenen Unzulänglichkeiten eingestehen können, die liebevoll mit sich sind, die sich Fehler erlauben. Damit sind sie für die jüngere Generation Vorbilder, denn dann muss diese nicht den Anspruch der Perfektion an sich selbst stellen. „Good enough“ statt „Perfect“. 

Jeder gibt zu jeder Zeit das ihm gerade mögliche Beste, behaupte ich zu mindestens. Denn wenn wir es besser machen könnten, dann würden wir es tun. Und das trifft im Besonderen auch dann zu, wenn wir im Nachhinein draufkommen, dass wir in der Erziehung unserer Kinder womöglich etwas „verbockt“ haben, dass wir Dinge übersehen haben, dass wir womöglich Fehler gemacht haben, die für die psychische Gesundheit unserer Kinder ungünstig war. 

Verantwortung übernehmen anstatt sich für die eigenen Fehler zu verurteilen

Es hilft niemanden, sich selbst zu geißeln, zu verurteilen und zu tadeln, denn hätten wir es in der damaligen Situation besser gewusst, dann hätten wir es besser gemacht. Es ist dann notwendig, sich selbst liebevoll zu verzeihen, Verantwortung für sein Verhalten zu übernehmen und sich bei den Kindern zu entschuldigen. 

Als ich vor einiger Zeit meiner Tochter in ziemlicher Verzweiflung gesagt habe, wie leid es mir tut, dass ich ihr durch mein erzieherisches „Versagen“ ein gewisses „Thema“ nicht ersparen konnte, hat sie mich völlig entspannt angesehen und nur gemeint: „Dann hätte ich doch in meinem Leben gar nichts zu lösen. Wie fad wäre denn das.“ 

Da konnte ich wieder einmal – unter Lachen und Weinen zugleich – deutlich spüren, wie schnell unsere Kinder bereit sind, uns unsere Fehler zu verzeihen, wie liebevoll sie zu uns sind. Also liegt es „nur“ mehr an uns, mit uns selbst genauso liebevoll, geduldig und verzeihend umzugehen. Das ist das größte Geschenk, dass wir uns und unseren Kindern machen können.

Zum Abschluss möchte ich dir noch ein Gedicht von Rainer Maria Rilke mitgeben, das mich sehr berührt und entspannt, wenn ich wieder einmal ungeduldig mit mir bin.

Was mich bewegt

Man muss den Dingen
die eigene, stille,
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von Innen kommt,
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann;
alles ist ausgetragen –
und dann
gebären …

Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen
des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer
kommen könnte.
Er kommt doch!

Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind,
als ob die Ewigkeit vor ihnen läge,
so sorglos, still und weit …

Man muss Geduld haben,
gegen das Ungelöste im Herzen,
und versuchen,
die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer fremden Sprache
geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt,
lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages in die Antwort hinein.

Ich freue mich wie immer über dein Feedback und deine Fragen.

Herzlichst,

Deine Ines


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