Und du plötzlich nichts mehr zu sagen hast
Neulich saß mir eine Mama gegenüber. Sie war den Tränen nahe.
„Ines“, sagte sie, „ich weiß nicht mehr weiter. Egal, was ich sage, mein Kind rollt nur noch mit den Augen. Ich kann sagen, was ich will – es kommt nur zurück: ‚Boah Mama, lass mich in Ruhe!‘
Ich habe das Gefühl, ich bin unsichtbar. Nichts, was ich sage, kommt mehr an.“
Ich schaute sie mitfühlend an und sagte: „Ich kann mich noch so gut an dieses Gefühl damals erinnern, als unsere Kinder in der Pubertät waren. Das ist ein Stück weit normal. Ein klassischer Fall von Loslösung.“
Die Demontage der Eltern – warum das kein Weltuntergang ist
Wenn Teenager anfangen, mit den Augen zu rollen, dann ist das – so seltsam es klingt – ein Zeichen dafür, dass sie anfangen, sie selbst zu werden.
Als sie klein waren, warst du ihr Mittelpunkt. Deine Meinung war Wahrheit, dein Rat war Gesetz, deine Umarmung die Lösung für fast jedes Problem.
Aber irgendwann kommt dieser Moment, wo sie spüren: „Ich bin nicht mehr nur ein Teil von dir. Ich bin ich.“
Und dieses „Ich“ braucht Platz. Platz, um zu prüfen:
Was ist eigentlich meins?
Welche Werte, welche Meinungen, welche Sicht auf die Welt gehören wirklich zu mir – und welche habe ich einfach übernommen, weil du sie hattest?
Und das geht leider nur sehr selten ohne Widerstand.
Wenn das Auge rollt, rollt die Entwicklung mit
Ich weiß, das klingt romantischer, als es ist.
In Wirklichkeit fühlt es sich manchmal wahrscheinlich an, als würde dir dein Kind entgleiten.
Wie ein Seil, das du jahrelang festgehalten hast, dessen Zug dir sehr vertraut isz – und plötzlich lässt jemand am anderen Ende los.
Aber das Augenrollen ist kein Zeichen von Respektlosigkeit.
Es ist ein Zeichen von Abgrenzung.
Ein Zeichen dafür, dass dein Kind den Mut findet, Dinge anders zu sehen als du.
Und ja – das geht selten leise.
Es kommt mit Widerspruch, mit Provokation, mit „Du verstehst das eh nicht!“
Und manchmal mit dieser Mischung aus Spott und Unsicherheit, die nur Teenager so perfekt beherrschen.
Aber genau da passiert die wichtige Entwicklung.
Denn das, was wir als Ablehnung spüren, ist in Wahrheit der Versuch, eine eigene Identität zu formen, sich seiner selbst bewusst zu werden.
Warum dein Teenie lieber auf andere hört als auf dich
Neulich erzählte mir ein Papa eine Szene, die wir wahrscheinlich alle schon einmal erlebt haben.
Sein Sohn kam nach Hause, strahlend wie ein Christbaum:
„Papaaaa, weißt du was? Der Timo aus meiner Klasse hat gesagt, man soll die Hausübung gleich nach der Schule machen, sonst ist man viel unmotivierter! Und außerdem hat man nachher kein schlechtes Gewissen und kann die Freizeit viel besser genießen.“
Papa: innerlicher Kurzschluss.
Äußerlich: „Aha.“
Innerlich: „Sag ICH ihm seit drei Jahren, aber gut… danke, Timo.“
Und genau das ist der Punkt, den du vielleicht auch kennst:
Da kommt irgendein Mensch daher – oft kaum älter als unser Kind – und plötzlich ist dessen Tipp richtig und er wird umgesetzt.
Ein Tipp, den du vielleicht schon gefühlt hundert Mal gesagt hast.
Ein Tipp, der bei dir immer belächelt wurde.
Und ja… das kann weh tun.
Es kratzt kurz an diesem „Hallo? Ich bin doch seit 14 Jahren in diesem Projekt Elternschaft investiert?!“-Gefühl.
Aber weißt du was?
Dein Teenie hört nicht auf Timo, weil Timo schlauer ist.
Sondern weil Timo nicht du bist.
In der Pubertät ist alles, was nicht du bist, automatisch spannender.
Es ist neu.
Es riecht nach Abenteuer.
Es klingt nach Eigenständigkeit.
Und vor allem riecht es nach diesem einen Wort: Freiheit.
Freiheit bedeutet in diesem Alter:
„Ich darf selber herausfinden, wem ich zuhöre.
Ich darf mich abgrenzen.
Ich darf entscheiden, was ich für wahr halte.“
Dass du trotzdem die wichtigste Person bleibst – das spüren sie.
Auch wenn sie’s dir gerade nicht zeigen.
Auch wenn sie lieber auf Timo hören, den TikTok-Coach, den Skatepark-Guru oder die beste Freundin.
Deine Worte arbeiten weiter.
Leise, im Hintergrund, und oft viel tiefer, als du glaubst.
Wenn sie dir widersprechen, dann suchen sie nicht Streit – sie suchen Freiheit. Und um frei zu werden, müssen sie dich eine Zeit lang „kleiner“ machen. Nicht, weil sie dich verachten, sondern, weil sie ausprobieren, ob sie auch ohne dich stehen können.
Du darfst traurig sein – und trotzdem bleiben
Viele Eltern sagen mir in dieser Phase: „Ich weiß ja, dass das normal ist, aber es tut trotzdem weh.“ Und ja – das darf es auch.
Es darf traurig machen, wenn dich dein Kind nicht mehr so braucht.
Es darf dich treffen, wenn es deine Ratschläge lächerlich findet.
Und es darf dich wütend machen, wenn du siehst, dass es gerade Mist baut, den du schon hundertmal zu verhindern versucht hast.
Aber weißt du, was das Wichtigste ist? Dass du bleibst.
Nicht beleidigt. Nicht als Schatten deiner selbst. Sondern als ruhiger, verlässlicher Anker.
Denn genau das ist deine neue Rolle:
Nicht mehr der Held/die Heldin, der/die alles richtet. Sondern der Mensch, der stehen bleibt, auch wenn das Kind sich entfernt.
Respekt kannst du nicht einfordern – aber du kannst ihn leben
Viele Eltern fragen mich: „Aber Ines, soll ich mir das alles gefallen lassen? Soll ich einfach ruhig bleiben, wenn mein Teenie frech ist?“
Nein. Ruhig bleiben heißt nicht, alles hinnehmen und gutheißen. Es heißt, dass du versuchst, es nicht persönlich nehmen.
Du darfst, du musst sogar DEINE Grenzen setzen.
Du darfst ganz klar sagen: „Ich will nicht, dass du so mit mir sprichst. Ich wünsche mir, dass wir weiter respektvoll miteinander umgehen.“ Aber du darfst aufhören, ständig dagegen zu argumentieren und beweisen zu wollen, dass du recht hast. Denn Respekt entsteht nicht durch Machtausübung. Respekt entsteht durch eine innere Haltung.
Und die Haltung lautet: Ich bleibe in Verbindung, auch wenn ich gerade das Gefühl habe, du mich in dem Moment nicht magst.
Was bleibt, wenn die Augen sich wieder beruhigen
Und irgendwann – oft ganz unspektakulär – merkst du, dass sich etwas in eurer Kommunikation verändert hat und etwas zurückkommt.
Dein Teenie stellt dir wieder Fragen.
Vielleicht anfangs nicht sehr viele.
Ein kurzes „Mama, wie würdest du das machen?“
oder ein „Papa, was denkst du eigentlich darüber?“
Das sind dann die Momente, in denen Eltern spüren können:
Sie sind wieder ein Stück gewachsen.
Sie haben eigene Erfahrungen gemacht.
Und sie suchen weiter Orientierung – und nun auch wieder bei dir.
Und genau dann wird den meisten Eltern klar:
Es war nie gegen sie persönlich gerichtet.
Es war ihr Weg zu sich selbst.
Und die Eltern haben ihnen dafür den Raum gelassen.
Sie haben gelernt zu vertrauen.
Mit viel Herzklopfen und Liebe.💛
💛 Reflexionsfrage:
Welchen Mini-Moment hast du zuletzt erlebt, in dem du gemerkt hast:
„Okay… da ändert sich gerade wieder etwas in unserer Beziehung“?
Wenn du magst, teile es mir gerne in den Kommentaren mit – ich freue mich sehr darüber. 💬✨






Liebe Ines!
Danke für deine wertvollen Erkenntnisse, Ansichten, Impulse und Erfahrungen.
Dank dir gelingt es mir immer besser meine Kinder zu verstehen.
Schönen Sonntag LG Sigrid
Liebe Ines!
Vielen Dank für den tollen Artikel, wir hatten diese Woche wieder mehrere dieser Momente.
Da Du mich gottseidank schon einige Zeit begleitest, hat sogar schon was gefruchtet.
Die letzten Wochen waren mehrere Schularbeiten und Tests und es hat mich innerlich zerrissen zu sehen, wie wenig sich meine zwar noch nicht wirklich Teenie aber schon sehr am Weg drauf hin Tochter sich darauf vorbereitet. Aber ich habe es (fast) geschafft, sie nicht damit zu nerven, aber wenn ich dann doch gefragt habe, ob ich noch was helfen soll/darf, kam das Augenrollen und das „ich schaff das eh, ich hab alles im Griff“. Ich hab also an mir gearbeitet und sie einfach gelassen (was mir aber auch leichter fiel, als mir einfiel, dass ich in der Unterstufe Gymnasium eigentlich auch nie für Schularbeiten gelernt habe) und war felsenfest der Überzeugung, dass Englisch daneben gehen würde. Aber ich habe sie nur erinnert, wie sie es wollte und mich innerlich drauf vorbereitet, den ersten 4-er aufzufangen (denn die Vokabeln der Units saßen so gar nicht, wie ich von den Check-Ups davor wusste, die alle nicht wirklich berauschend waren).
Ich musste zwar auffangen, aber nur weil sie fast einen 1-er gehabt hätte und nicht zufriedend war (ich hingegen war heilfroh, dass bei dem minimal-Einsatz so was Gutes rauskam). Sie hat es wirklich im Griff und es war so schön zu merken, dass sie auch mitkriegt, dass ich mich bemühe, was zu verbessern.
Selbes beim Geschichte Test, da durfte ich es mit ihr gemeinsam durchgehen, aber nur kurz und das wenigste war hängen geblieben und wenn ich Tipps geben wollte, kam gleich Ablehnung und ich hielt meinen Mund. Da hat sie nur um 0,5 Punkte den 1-er versäumt (und wenn sie sich die Definition zur Neolithischen Revolution, die ich ihr ans Herz legen wollte, angesehen hätte, hätte sie sogar 2 Punkte mehr gehabt, da habe ich es aber geschafft, sie nicht drauf hin zu weisen – klopf mir grad auf die Schulter ;-) )
Heute hab ich nämlich beschlossen, nicht mal mehr nachzufragen und zu erinnern, sie scheint es ja wirklich gut alleine hinzukriegen. Darum hab ich sie nur gefragt, ob das in Ordnung ist, wenn ich mich ganz raushalte, bei der ganzen Lernerei und sie nur auf mich zukommt, wenn sie Unterstützung braucht. Da kam zuerst Zustimmung, dann aber – naja, vielleicht doch noch erinnern. So ganz alleine will sie die Verantwortung wohl doch noch nicht. Und wir haben uns einfach drauf geeinigt, dass ich weiterhin eine Woche vor den Tests/Schularbeiten jeweils frage, ob sie was braucht oder nicht und dann die jeweilige Entscheidung respektiere.
Das mit den Gefühlen schreibst Du so schön, ich hoffe, ich komme irgendwann in die Gelassenheit dieses Papas, denn ich schaffe es meist noch nicht, mir das nur zu denken, sondern meist rutscht mir noch was raus – aber ich glaube, das wird mein nächster Babyschritt, die Bemerkungen einfach runterzuschlucken. :-) danke für die Inspiration.
Schönes Wochenende